Bedarfsverkehre im ÖPNV besser verstehen und bewerten
Wie können Bedarfsverkehre die öffentliche Mobilitätsversorgung verbessern, und wie lässt sich ihr Beitrag bewerten? Mit diesen Fragen haben wir uns in den vergangenen zweieinhalb Jahren intensiv beschäftigt.

Am 21. Oktober 2026 haben wir die Ergebnisse unseres Forschungsprojekts beim BBSR in Bonn vorgestellt und gemeinsam mit Fachleuten aus Verwaltung, Forschung und Verkehrspraxis diskutiert. Mit der Abschlussveranstaltung fand das Vorhaben einen erfolgreichen Abschluss und ermöglichte einen Austausch zu Perspektiven für die Weiterentwicklung von Bedarfsverkehren.
Die Angebotslandschaft ist vielfältig
Ob klassisches Anrufsammeltaxi oder digital buchbares On-Demand Shuttle, Bedarfsverkehre ergänzen den öffentlichen Verkehr insbesondere dort, wo feste Linien an ihre Grenzen stoßen. Sie erschließen dünn besiedelte Gebiete, bedienen Tagesrandzeiten und bringen Fahrgäste zu Bus und Bahn. In bestehenden Analysen zur ÖPNV-Versorgung werden sie jedoch häufig nur unvollständig berücksichtigt, da diese überwiegend auf festen Haltestellen und Fahrplandaten beruhen.
Hier setzte das Forschungsprojekt „Bundesweiter Überblick und Bewertung der Angebote an Bedarfsverkehren im Vergleich zu klassischen Linienverkehren im öffentlichen Verkehr“ an. Ziel war es, die Angebotslandschaft bundesweit zu erfassen, Nutzung und Akzeptanz zu untersuchen und eine Methodik zur Bewertung ihres Beitrags zur ÖV-Erschließungsqualität zu entwickeln.
Rupprecht Consult und TRAPICO bearbeiteten das Vorhaben von April 2024 bis Oktober 2026 im Programm „Region gestalten“ im Auftrag von BMWSB und BBSR.
Dafür kombinierten wir eine bundesweite Bestandsaufnahme mit vertiefenden Untersuchungen von zwölf Praxisbeispielen. Interviews, Fachgespräche und Workshops lieferten Einblicke in Erfolgsfaktoren und Herausforderungen. Darauf aufbauend entwickelten wir zwei Bewertungsmodelle, die anhand von vier Fallbeispielen erprobt und weiterentwickelt wurden
589 Angebote mit unterschiedlichen Aufgaben

Die Bestandsaufnahme identifizierte 589 Bedarfsverkehrsangebote in 375 von 400 Landkreisen und kreisfreien Städten (Auswertung Stand 2025). Bedarfsverkehre sind damit bereits weit verbreitet. Die Angebotslandschaft wird weiterhin stark durch klassische und liniennahe Formen geprägt, während flexible, digital gesteuerte Angebote einen relevanten, aber kleineren Teil bilden.
Die erfassten Angebote dienen überwiegend der Daseinsvorsorge und sichern die Mobilitätsversorgung dort, wo reguläre Linienangebote räumliche oder zeitliche Lücken aufweisen. Nur etwa 5 % sind sogenannte On-Top-Angebote, die zusätzlich zum regulären ÖPNV verkehren und vor allem einen höheren Komfort bieten.
Eine weitere zentrale Erkenntnis betrifft die Daten: Während grundlegende Angebotsinformationen häufig verfügbar sind, fehlen vielerorts einheitliche Betriebs- und Qualitätsdaten. Anforderungen an deren Bereitstellung sollten daher bereits bei Vergabe und Vertragsgestaltung berücksichtigt werden.
Eine Vergleichsmethodik für Angebotsqualität
Die entwickelte Methodik schafft eine Grundlage, um unterschiedliche Bedarfsverkehre untereinander und im Verhältnis zum Linienverkehr zu bewerten. Sie baut auf dem österreichischen ÖV-Güteklassenmodell auf und erweitert dieses um die spezifischen Merkmale von Bedarfsverkehren. Das erste Modell betrachtet die zeitliche und räumliche Erschließung und ist auch bei begrenzter Datenlage anwendbar. Das zweite bezieht zusätzliche Qualitätsmerkmale wie tatsächliche Verfügbarkeit, Wartezeiten, Umwege, Zuzahlungen und Barrierefreiheit ein.
Dabei kommt es auf die richtige Einordnung an. Ein Rufbus zur planbaren Grundversorgung erfüllt eine andere Aufgabe als ein kurzfristig buchbarer, flächenhafter On-Demand Shuttle. Bewertungen müssen deshalb immer zusammen mit Angebotszweck, räumlichem Kontext und Datenlage betrachtet werden.

Die entwickelte Methodik bietet einen praktischen Mehrwert. Sie kann ein regionales oder deutschlandweites Bild der Versorgung durch Bedarfsverkehre vermitteln und Vergleiche zwischen Angeboten unterstützen. Für Aufgabenträger und Betreiber ist sie zudem ein nützliches Instrument, um die Qualität ihrer Angebote regelmäßig zu überprüfen und Weiterentwicklungsbedarf zu erkennen. Gleichzeitig macht sie den Beitrag von Bedarfsverkehren für Öffentlichkeit und Politik verständlich und unterstützt fundierte Entscheidungen über deren Einführung, Anpassung oder Fortführung.
Langfristiger Beitrag von Bedarfsverkehren
In der Abschlussdiskussion standen die dauerhafte Finanzierung, die Perspektiven autonomen Fahrens und das Zusammenspiel mit dem Linienverkehr im Mittelpunkt. Besonderes Interesse galt zudem der Frage, wie sich Wirkungen a
uf Erreichbarkeit und soziale Teilhabe künftig besser messen lassen.
Unser Fazit: Bedarfsverkehre können wichtige Versorgungslücken schließen, wenn ihre Aufgabe klar definiert ist und sie konsequent in das ÖPNV-System eingebunden werden. Die Projektergebnisse bieten dafür eine Grundlage für Planung, Bewertung und Weiterentwicklung.
Der Abschlussbericht mit den Ergebnissen, der Bewertungsmethodik und Handlungsempfehlungen ist über die Projektwebsite zugänglich:
Wir bedanken uns herzlich beim BBSR, unserem Projektpartner TRAPICO sowie allen beteiligten Verkehrsunternehmen, Aufgabenträgern, Landesstellen und Fachleuten für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, ihre Praxisbeiträge und die konstruktiven Diskussionen!



